Zwischen Vitznau und Rigi Kulm gibt es eine Haltestelle, an der die meisten Leute sitzen bleiben. Romiti-Felsentor ist ein Halt auf Verlangen, und wer hier aussteigt, geht nicht bergauf, sondern meistens bergab. Nach ein paar Minuten versperren drei gegeneinander verkantete Felsblöcke den Weg – bis man merkt, dass sie einen Durchgang bilden. Das ist das namengebende Felsentor. Gleich dahinter steht ein Haus, das vor gut 150 Jahren für eine Verkehrsform gebaut wurde, die es keine drei Jahre später nicht mehr gab, und daneben eine Meditationshalle in japanischer Bauweise. Beides gehört der Stiftung Felsentor.

Ein Gasthaus für eine Verkehrsform, die verschwand
Bevor die Zahnradbahn kam, war die Rigi zu Fuss, zu Pferd oder in der Sänfte zu erreichen. Nach der Darstellung der Stiftung Felsentor zur Ortsgeschichte war der Weg von Weggis über die Heiligkreuz-Kapelle nach Kaltbad die meistbegangene dieser Routen. Beim Hochstein, wie der Felsen auch heisst, entstand deshalb zuerst das, was ein Verkehrsknoten damals brauchte: eine Speisewirtschaft für Träger, Führer und Gäste sowie eine Tränke für Pferde und Maultiere. Die Stiftung gibt an, der Flurname Romiti gehe der Überlieferung nach auf «Rast auf der Mitte» zurück; eine unabhängige namenkundliche Bestätigung dafür liess sich nicht finden.
Aus der Wirtschaft wurde ein Hotel. Über dessen Baujahr gehen die Quellen auseinander. Die Stiftung nennt 1869 als Eröffnungsjahr und beschreibt einen erstaunlich vollständigen Betrieb: 30 Betten, Speisesaal und Damensalon, ein Café erster und zweiter Klasse, eine Dependance mit Angestelltenzimmern und ein Pferdestall. Die Gebäudedokumentation «Kuppel – Tempel – Minarett» des Zentrums Religionsforschung der Universität Luzern datiert den Bau dagegen auf «um 1860» und nennt die Gemeinde Weggis als Bauherrin.
Die Rechnung des Hauses beruhte auf einer einfachen Annahme: Wer zu Fuss oder mit Tieren aufsteigt, braucht auf halbem Weg eine Pause, eine Übernachtung und Futter für die Pferde. Diese Annahme fiel am 21. Mai 1871 dahin. An diesem Tag wurde laut der Bahnchronik der Rigi Bahnen AG die Vitznau-Rigi-Bahn als erste Bergbahn Europas bis Rigi Staffelhöhe eingeweiht, am 23. Juni 1873 folgte der Abschnitt bis zur Gipfelstation. Die Fahrzeit schrumpfte auf eine gute halbe Stunde, und damit verschwand der Grund, unterwegs zu übernachten. Der Halbwegsstandort, bis dahin das ganze Geschäftsmodell, wurde zum Standortnachteil.
Was danach kam, liest sich wie die Geschichte vieler Zweckbauten, deren Zweck weggefallen ist: 1929 Verkauf, in den 1940er- und 1950er-Jahren Nutzung als Kinderheim, danach mehrere Jahre Leerstand. 1966 erwarben Claudine und Josef Hofmann-Siegrist die Liegenschaft, ab 1983 war sie als Bergrestaurant zeitweise offen – von Juli bis September, an Wochenenden und Feiertagen.
Geplanter Zugang per Auto-Strasse
In 1930 kam der Plan auf, eine Autostrasse auf die Rigi zu bauen. Diese waere auch durch Felsentor gegangen. Die Strasse kam nie zustande.

Geplante Autostrasse von Weggis nach Kaltbad Quelle

Durchfahrt in Felsentor von Quelle

Geplante Durchfahrt in Felsentor von Quelle
Wie aus dem Romiti Hotel ein Zen-Zentrum wurde
Die zweite Nutzungsidee kam von aussen. Vanja Palmers, laut seinem Porträt auf der Website der Stiftung 1948 in Wien geboren und als Kleinkind in die Schweiz gekommen, brach nach einem Wirtschaftsstudium in Zürich mit der vorgezeichneten Laufbahn, kam 1972 zum Zen-Buddhismus und verbrachte zehn Jahre im kalifornischen Zen-Kloster Tassajara, wo er zum Priester ausgebildet wurde. Dort traf er die beiden Männer, die für ihn Lehrer und Freunde wurden: den Zen-Meister Kobun Chino Otogawa Roshi und den Benediktinermönch David Steindl-Rast. Mit Letzterem gründete er 1989 im österreichischen Dienten am Hochkönig das «Haus der Stille» Puregg. Dass Palmers aus einer Industriellenfamilie stammt und über ein Erbe verfügte, hat die NZZ in einem Porträt von 2017 festgehalten; sie ordnet ihn der Textildynastie Palmers zu und nennt das Felsentor als eines der Projekte, die er ermöglicht hat.
Der Anlass für den Kauf war praktischer Natur. Palmers hat gegenüber dem Luzerner Forschungsprojekt erklärt, es habe in der Schweiz kaum abgelegene Zendos gegeben, in denen man auch übernachten und mehrtägige Sesshins abhalten könne. Genau das bot ein leerstehendes Hotel mit Aussicht, ohne Autozufahrt und mit Bahnanschluss. 1999 erwarb die neu gegründete Stiftung Felsentor die Liegenschaft; als Mitstifter tritt Steindl-Rast auf. Die meisten Darstellungen, darunter die Kurzinformation des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Luzern und das Lexikon von relinfo.ch zu Zen-Organisationen in der Schweiz, nennen 1999 als Gründungsjahr; die Stiftungsdatenbank Fundraiso führt dagegen 2000 als Gründungsjahr.
Was die Stiftung tun soll, steht in ihren publizierten Statuten. Sie ist eine gemeinnützige Stiftung nach Art. 80 ff. ZGB mit Sitz in Weggis, und der Zweckartikel nennt vier Punkte: das Verhältnis des Menschen zu sich und seiner Mitwelt verbessern, eine Stätte der Stille schaffen, die Liegenschaft Felsentor – Grundstück Nr. 550, Grundbuch Weggis – erwerben und unterhalten, und die Vorstellung überwinden, menschliches Wohlergehen sei grundsätzlich wichtiger als jenes anderer fühlender Wesen. Der Stiftungsrat arbeitet ehrenamtlich; Steindl-Rast und Palmers gehören ihm als Stifter auf Lebzeiten an. Bemerkenswert ist die Auflösungsklausel: Bliebe nach Tilgung aller Schulden Vermögen übrig, ginge es je zur Hälfte an den Tierschutz und an einen meditativen Zweck.
Seminarbetrieb gibt es seit 2002. Im Handelsregister ist die Stiftung unter der Nummer CHE-109.550.313 eingetragen, das Domizil wurde 2019 an den Rigiweg 27 in 6356 Rigi Kaltbad verlegt, wie der Registerauszug bei Moneyhouse zeigt.
Das Zendo: ein Bau, der sich nicht einordnen lassen soll
Der auffälligste Teil der Anlage ist der jüngste. Die Luzerner Gebäudedokumentation listet die harten Zahlen: 145,5 Quadratmeter Anlagefläche, 8,10 Meter Gebäudehöhe, Grundsteinlegung im Juli 2003, 14 Monate Bauzeit, Einweihung am 22. September 2004. Architekt war Paul Discoe aus Kalifornien, ein amerikanischer Zen-Priester, der in Japan Tempelbau studiert hat. Palmers beschreibt dessen Absicht so: Es sollte ein Gebäude entstehen, das «weder zeitlich noch kulturell eindeutig zugeordnet werden kann».

Dass der Bau überhaupt bewilligt wurde, ist weniger selbstverständlich, als es von aussen aussieht. Drei Hürden lagen übereinander. Erstens stand das beanspruchte Land ausserhalb der Bauzone. Zweitens liegt die Rigi im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung, konkret im BLN-Objekt 1606 «Vierwaldstättersee mit Kernwald, Bürgenstock und Rigi», dessen Teilraum 3 die Rigi umfasst. Drittens war das erwartete Erscheinungsbild des Zendos für die Behörden selbst ein Thema. Die Mechanik dahinter ist juristisch: Wie die Übersicht zu den BLN-Gebieten von artenschutz.ch festhält, gilt die Errichtung von Bauten ausserhalb der Bauzone in einem BLN-Objekt als Bundesaufgabe, womit ein Gutachten der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission erforderlich wird. Aus einem Anbau neben einem alten Hotel wird so ein Verfahren mit mehreren Instanzen. In der Luzerner Dokumentation sind die Einsprachen als verwaltungsintern und mit dem Stichwort Waldabstand vermerkt; nach längeren Verhandlungen kam die Baubewilligung zustande.
Tiere als Teil der Felsentor Gemeinschaft
Der Tierschutz ist im Felsentor kein Nebenprogramm, sondern steht im Zweckartikel. Die Tierschutzstelle besteht laut dem Verzeichnis der Lebenshöfe von ProTier seit 2005 und nimmt vor allem ehemalige Nutztiere auf. Aufgebaut hat sie Schwester Theresia Raberger, Franziskanerin und Zen-Priesterin. In einem Interview mit Buddhismus Aktuell schildert sie den Anfang: Sie kam im September 2005 auf die Rigi, im Oktober traf das erste Tier ein, ein ausgesetzter Eber namens Francis. Weitere kamen nach Beschlagnahmungen oder auf Hinweis anderer Tierschützer.
Der bekannteste Fall war ein Ochse namens Nandi. Die Zeitschrift Vegi-Info berichtete 2005 über seine Rettung: Zehn Monate alt, sollte er im Schlachthaus Baar getötet werden, sprang durch eine Glasscheibe, lebte eine Zeit lang im Wald und wurde nach seiner Wiedereinfangung von Palmers gekauft, der mehr zahlte als den üblichen Schlachtpreis. Der Fall zeigt exemplarisch, wie die Stiftung ihren Zweck versteht: nicht als flächendeckende Rettung, sondern als sichtbarer Einzelfall mit Öffentlichkeitswirkung.
Der Stiftung Felsentor Betrieb heute
Wer heute anfragt, landet nicht mehr bei den Gründern. Die Kontaktseite der Stiftung nennt Anette MyōZen Nüscheler als Leitung und Jessica Antusch für die Tierschutzstelle. Zur Grösse der Hausgemeinschaft widersprechen sich die Angaben, was bei einem Ort mit wechselnden Mitlebenden wenig überrascht: Die Luzerner Kurzinformation spricht von sieben Personen, die Gebäudedokumentation von rund zehn, relinfo.ch von acht bis zwölf ständigen Bewohnerinnen und Bewohnern.

Nach aussen sichtbar ist vor allem das Gartencafé. Es funktioniert als Selbstbedienung und ist, wie die Beschreibung auf rigi.ch festhält, für Wandernde offen; im Übrigen steht das Haus nur für Kurse und Einzelretreats zur Verfügung. Dieselbe Seite nennt eine offene Meditation jeweils sonntags um 17 Uhr mit anschliessender Teerunde. Frühere Angaben, etwa im Verzeichnis Schweiz in der Stille, nennen 18 Uhr im Sommer- und 17 Uhr im Winterhalbjahr und Schwester Theresia oder Palmers als Leitung – ein Hinweis darauf, dass sich Zeiten und Zuständigkeiten über die Jahre verschoben haben.
Die Stiftung hat ihr Terrain inzwischen erweitert. Die Liegenschaft Obere Frohmatte und Sentiberg liegt rund eine halbe Wanderstunde unterhalb des Felsentors und ist nicht öffentlich zugänglich; ein neues Zendo dort ist mittwochabends für eine offene Meditation geöffnet, gegenüber dem Bauernhaus an der Rigistrasse 240 in Weggis. Der Bio-Bauernhof Frohmatte, rund 300 Höhenmeter tiefer, liefert Lebensmittel für den Kursbetrieb. In der Stadt Luzern betreibt der Kreis um Palmers zudem das 2018 eröffnete Zendo am Fluss mit veganem Restaurant.
Die Preise sind für ein Seminarhaus dieser Grössenordnung nachvollziehbar: Eine Sesshin-Ausschreibung von 2023 weist Vollpension mit 95 Franken pro Tag im Mehrbettzimmer, 130 im Doppel- und 160 im Einzelzimmer aus, dazu Kurtaxe und ein frei gewählter Dana-Beitrag für die Lehrperson. Aktuelle Ansätze können davon abweichen.
Ein Datum aus dem laufenden Jahr betrifft den Mitstifter: David Steindl-Rast ist am 12. Juli 2026 hundert Jahre alt geworden. Er lebt im Europakloster Gut Aich bei St. Gilgen, wie die Berichterstattung der Katholischen Nachrichten-Agentur zum Jubiläum festhält.
Stille auf einem Berg mit fast einer Million Gästen
Das Felsentor liegt nicht in der Abgeschiedenheit, sondern an deren Rand. Die Rigi Bahnen zählten 2023 nach Angaben der Fachzeitschrift htr hotelrevue 910'000 Ersteintritte, ein Plus von 12,6 Prozent. Für 2024 nannte der Finanzchef an der Generalversammlung laut schweizeraktien.net rund 940'000 Gäste und damit das zweitstärkste Besucheraufkommen der Geschichte. Wie sich die Rigi entwickeln soll, ist seit der «Charta Rigi 2030» vom 11. Januar 2019 Gegenstand eines formalisierten Prozesses.
Palmers hat gegenüber dem Luzerner Forschungsprojekt das Verhältnis zu Gemeinde, Behörden und vorbeikommenden Wandernden als ausnahmslos gut bezeichnet – eine Einschätzung des Stiftungspräsidenten, kein neutraler Befund. Bemerkenswert ist eher die Umkehrung, die er an anderer Stelle beschreibt: Die relative Abgeschiedenheit bei gleichzeitig guter Bahnanbindung sei vom Nachteil zum Vorteil geworden. Genau die Lage, die das Hotel 1871 ruiniert hat, macht den Ort heute brauchbar. Ein Halt auf Verlangen ist eine gute Adresse, wenn man will, dass die meisten weiterfahren.
Praktisch heisst das: Von der Station Romiti-Felsentor sind es nach Zen-Verein imakoko rund 15 Minuten; ab Weggis führt ein alter Fussweg in eineinhalb bis zwei Stunden hinauf. Die Station liegt auf ca 1200 Metern.